100 Jahre Börnecke Leder

Vom Leisten zum Leder

Die Berliner Ledergroßhandlung J&W Börnecke besteht seit 100 Jahren / Rohstoffe für die Orthopädie und zunehmend auch Mode sind die Standbeine

Die Geschichte der Ledergroßhandlung J&W Börnecke ist auch Spiegel der industriellen, handwerklichen und politischen Entwicklung Deutschlands. Gegründet in einer Zeit, in der viele kleine Handwerker das Schumacherhandwerk bestimmten, gerettet über das Desaster des Zweiten Weltkriegs, geführt durch Berlin-Blockade, Mauerbau und Wiedervereinigung, steht ganz im Sinne seiner Gründer heute eine Firma da, die zwar fest verortet ist in der (Orthopädie-)Schuhmacherei. Doch schon seit vielen Jahren bildet das Familien-Unternehmen auch eine feste Adresse für alljene, die das außergewöhnliche, das besonders gestylte oder gefärbte Leder für spezielle Kleidung in der Modebranche suchen.

1919 ist das Geburtsjahr der nun seit 100 Jahren in Berlin bestehenden Ledergroßhandlung J&W Börnecke. J steht für Julius, dem jüngeren, 1886 geborenen Bruder, das W für Wilhelm, 1885 geboren und eigentlich Friedrich-Wilhelm genannt und auch stets gerufen.

Das Geschäft wurde eröffnet im Frühjahr 1919 in der Möckernstraße in Berlin-Kreuzberg.

Ladengeschäft in der Möckernstraße

Leder stand nicht von Beginn an im Fokus, sondern ins Leben gerufen wurde zunächst ein Geschäft für Schuhleisten. Leisten bilden den Kern der Herstellung, um den herum ein Schuh genäht, genagelt und geklebt wird. Der Handel mit diesem Produkt, ohne das kein Schuhmacher auskommt, kam nicht von Ungefähr, denn im Hintergrund steht die Familiengeschichte:

Der Vater der beiden, Dietrich Börnecke, war gelernter Schuhmacher. Ein uneheliches Kind, geboren in Witten an der Ruhr. Seine Mutter, eine geborene Börnecke, stammte aus Bochum. Wer war Dietrichs Vater? Das ist unbekannt. Doch offenbar war er ein vermögender Mann, der sich aber der unliebsamen Vaterschaft entledigte und seine Geliebte zur Geburt nach Witten abschob. Dort wurde Dietrich geboren.

Nach der Lehre hat Dietrich Börnecke mit offenbar 18 Jahren rasch geheiratet und sich selbstständig gemacht. Drei Töchter, Hedwig, Alma und Lilly, sowie die beiden Söhne Wilhelm und Julius setzte Dietrich mit seiner Frau Lina in die Welt. Dietrichs (der Familie heute unbekannter) Erzeuger aus Bochum, heißt es, habe ihm eine Art Abfindung gezahlt, die es ihm ermöglichte, in Dortmund ein Schuhgeschäft zu gründen. Das wurde später, als er 1934 starb, von seiner ältesten Tochter Hedwig (genannt die „Fürstin“) weiter geführt.

Dietrich aber war auch Produzent. Er baute Schuhleisten. In einer Zeit, in der man noch keinen Unterschied zwischen linken und rechten Schuhen machte, fertigte Dietrich Börnecke linke und rechte Leisten für das Schuhmacherhandwerk.

Leistenfertigung

Solche Leisten waren gefragt, und er war offenbar auch sehr geschickt in dieser Fertigung. Von der Schuhleisten-Firma C.Behrens aus Alfeld in der Nähe von Hannover erhielt er offenbar aufgrund einer (eventuell sogar patentierten) Erfindung, die diese Firma nutzte, regelmäßige Einkünfte. Diese Tantiemen müssen eine erkleckliche Höhe erreicht haben, denn der Schuhmacher arbeitete fortan nicht mehr – oder wenigstens nicht mehr mit voller Kraft. Seine Töchter übernahmen die Arbeit im Schuhgeschäft.

In den Kriegszeiten, in denen alles knapp war, kam Dietrich Börnecke auf bizarre Ideen: Er konstruierte einen so genannten „Eisenschuh“, den er mindestens entworfen, vielleicht aber auch gebaut hat. Enkel Rudolf Börnecke erinnert sich: „Keiner weiß, ob diese Erfindung mehr als ein Modell war. Aber sie ist jedem in Erinnerung geblieben.“

Seinen Söhnen Julius und Wilhelm jedenfalls war das Metier Schuhe, Leder, Leisten bestens vertraut, als sie aus dem 1.Weltkrieg kamen. Sohn Julius, in einem Berliner Garderegiment stationiert, kam nach Potsdam ins Lazarett und beschloss, nicht mehr ins provinzielle Dortmund zurück zu kehren. Zusammen mit seinem ein Jahr älteren Bruder machte sich der gelernte Kaufmann, der vor dem Krieg als Handelsreisender Schuhe verkauft hatte, die Verbindungen des Vaters zu Leistenfabriken zunutze. Auch hier könnte Behrens eine Rolle gespielt haben, diesmal als Lieferant, vermutet Sohn Rudolf.

Nach dem 1.Weltkrieg war vieles knapp. Also auch Schuhe und die zur Herstellung nötigen Leisten. Julius und Wilhelm belieferten fortan aus ihrem Geschäft in der Möckernstraße die vielen kleinen und kleinsten Berliner Schuhmacher und Schuhfabriken. Die hatten einen enormen Bedarf nach dem Kernelement der Schuhherstellung. Nicht nur nach Leisten für gewöhnliche Schuhe oder Stiefel. Sondern unter anderem auch nach Leisten für Ballschuhe, die begehrt waren. Beliefert wurden deshalb auch so genannte „Wendeschuhmacher“: Sie produzierten Schuhe ohne Brandsohle, bei denen die Schuhe vom Leisten gezogen und „verkehrt“ herum genäht wurden.

Das Geschäft lief gut, doch der Handel mit Leisten rückte angesichts der zunehmenden industriellen Produktion in den Hintergrund – Leder wurde mehr und mehr die zentrale Handelsware des Geschäfts von J&W. Die Firma zog zunächst, vermutlich 1926, in die Große Frankfurter Straße, später, etwa 1928, in die Alexanderpassage, ein Gebäudekomplex unweit des Alexanderplatzes mit mehreren Hinterhöfen. Dort wurde die Firma 1943 ausgebombt. Ein Foto zeigt die Trümmer. Einzig ein heute historischer Tresor blieb aus dieser Zeit erhalten.

J&W Börnecke war 25 Jahre nach der Gründung ein bedeutsames Unternehmen geworden, beliefert wurden auch Firmen im Umland, etwa Schuhfabriken in Brandenburg, Frankfurt/Oder, Straussberg oder Ludwigsfelde. Von der Bedeutung zeugt auch, dass die Firma nach dem zwangsweisen Umzug ins südliche Brandenburg nach Doberlug-Kirchhain ein weitreichendes Lieferrecht erhielt: Für die Gebiete bis nach Königsberg war J&W Börnecke bevorzugter Lieferant für das Leder von Offiziersstiefeln. Schuhmacher, die solcherlei Schuhe herstellten, mussten das Rohmaterial auf Bezugsschein bei J&W ordern.

Fabrikgebäude Urbanstraße 100 - 60iger Jahre
Urbanstraße 100 – 60iger Jahre

Bereits 1954 wurde die Firma um einen bis heute aktiven, nicht aus dem Geschehen wegzudenkenden Mitarbeiter bereichert: Dieter Schefter hatte bei einem anderen Unternehmen gerade seine Lehre als Großhandelskaufmann beendet, um bei J&W einzusteigen. Sein Vorteil: Schefter brachte fundiertes Wissen um Oberlederbereich mit – und das bis heute.

In den 60er und frühen 70er Jahren sind die wesentlichen Kunden die damals noch zahlreichen Schuhfabriken Berlins sowie die Produzenten von Lederbekleidung, Gürteln und Handschuhen. Die Insellage der Stadt machte es für diese Branchen immer schwieriger, erfolgreich zu arbeiten. Hinzukam nach dem Mauerbau ein eklatanter Arbeitskräftemangel sowie ein erdrückender Import billig erzeugter Schuhe und Kleidung zunächst aus Italien, später auch aus anderen südeuropäischen und schließlich asiatischen Ländern.

Lediglich die Orthopädie-Schuhmacher kannten die Probleme nicht. J&W beschloss deshalb, diesen Bereich kräftig auszubauen. Eine segensreiche, bis heute erfolgreiche Strategie, die sehr bald auch zu einer Ausdehnung des Geschäfts auf Westdeutschland führte. Inzwischen war Günter Börnecke, Sohn von Firmengründer Julius, 1966 von der Schuhfabrik Rudolf Börnecke OHG zu J&W gewechselt, wo er später auch die Geschäftsführung übernahm. 1970 startete Dieter Schefter erstmals, um mit einem Auto voller Leder durch die DDR nach Niedersachsen zu fahren. Dort wurde nach und nach ein neuer Kundenstamm im Bereich der Orthopädie-Schuhmacherei gewonnen. Die Entscheidung war nicht leicht gefallen, da die zahlreichen Fahrten über die maroden DDR-Autobahnen begleitet waren von bisweilen aberwitzigen Kontrollen an den Grenzübergängen.

Günter Börnecke - Messe in den 70iger Jahren
Günter Börnecke – Messe in den 70igern …
Messe in den 80igern
… und in den 2000ern

Die sich rasch einstellenden Verkaufserfolge ermutigten, später den Handel auf die gesamte Bundesrepublik und nach der Wiedervereinigung auf das gesamte Deutschland auszudehnen. Seit den 70er Jahren ist J&W deshalb auch auf allen Messen und Veranstaltungen der Orthopädie vertreten.

Inzwischen sind weitere Familienmitglieder der Nachgründer-Generation im Unternehmen verankert, so Frank Börnecke, der 1986 dazu stieß, und Angelika Börnecke, die 1980 von ihrem Vater Günter in den Betrieb geholt wurde. Sie hat seit 2001 die Geschäftsleitung inne und erweiterte den Handel um den internationalen Markt. Inzwischen werden Kunden in vielen EU-Ländern beliefert, und spätestens mit Eintritt der Urenkelin von Julius, Saskia, der Kundenstamm um ein junge Menschen aus der Modebranche erweitert. Instagram und Twitter gehören nun genauso zu Mitteln des Verkaufs und der Werbung wie der neue Internetauftritt. Ganz ohne die Oldies aber geht es auch heute nicht: Dieter Schefter, in diesem Jahr seit 65 Jahren dabei, berät J&W noch an einem Tag je Woche.

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